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Gebremstes Vertrauen – Gefahr durch Antiblockier-System bei BMW-Motorrädern

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5. Juli 2005, Süddeutsche Zeitung

Politik

Gebremstes Vertrauen

Gefahr durch Antiblockier-System bei BMW-Motorrädern

Jörg Reichle

Ausgerechnet BMW als Pionier der Fahrsicherheit hat ein Problem mit dem Bremssystem ABS, das im Pkw seit langem lebenswichtige Dienste leistet. Seit neuestem soll ABS auch im Motorrad das Blockieren der Räder bei Notbremsungen verhindern und die Sturzgefahr erheblich reduzieren. Tatsächlich steht der Münchner Motorradhersteller derzeit aber unter starker Kritik. Mehrere Kunden wurden davon überrascht, dass das Antiblockier-System teilweise versagte. Zuletzt war vor wenigen Wochen ein Fahrer im Rahmen eines Sicherheitstrainings des ADAC nach Ausfall des ABS gestürzt und erheblich verletzt worden.

BMW weiß spätestens seit August 2004 von der Anfälligkeit des Systems. Damals hatte das von einem Betroffenen informierte Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Flensburg den Konzern schriftlich um eine Stellungnahme gebeten. “Die Antwort war ausweichend”, erinnert sich Wolfgang Kurzhals von der KBA-Abteilung Produktsicherheit und Rückruf.

Der Grund des Problems ist offenbar, dass es bei dem so genannten Integral-ABS gelegentlich zu einem Spannungsabfall und damit zum Ausfall des ABS kommen kann. Die Bremswirkung wird dann stark verringert und der Fahrer davon überrascht, dass er plötzlich viel mehr Kraft braucht, um den Bremshebel anzuziehen. “Das ist in einer Notsituation fatal für den Fahrer”, sagt der Kfz-Gutachter Peter Goltzsche in der ARD-Sendung Plusminus am Dienstagabend, auch wenn der Spannungsabfall und damit der Ausfall des ABS von einer Warnleuchte angezeigt wird.

Ein BMW-Fahrer hat bei der Staatsanwaltschaft München I Anzeige gegen den Hersteller eingereicht. Behördenleiter Christian Schmidt-Sommerfeld bestätigt: “Wir ermitteln wegen Gefährdung des Straßenverkehrs gegen BMW.” Angesichts der Brisanz werde man “möglichst noch vor der Sommerpause” einen vereidigten technischen Sachverständigen einsetzen, der die Vorgänge prüfen soll.

Untersucht wird das Bremssystem derzeit auch beim Kraftfahrtbundesamt. Die Experten dort gehen vor allem der Frage nach, ob das Warnlicht den Fahrer rechtzeitig vor einem Spannungsabfall warnt oder ob es zu einem plötzlichen Versagen des Bremskraftverstärkers ohne Vorwarnung kommen kann, wie geschockte BMW-Motorradfahrer im Internet berichten. BMW “ignoriert das Problem nicht”, sagt Pressesprecher Jürgen Stoffregen. Das Unternehmen sehe jedoch keine Veranlassung, technisch etwas nachzubessern oder gar eine Rückrufaktion zu starten, von der bis zu 260 000 Maschinen betroffen wären. Die Zahl der Vorfälle liege im Rahmen dessen, was bei technisch komplexen Systemen üblich sei, so die offizielle Auskunft des Unternehmens.

Dennoch scheint es BMW-intern Zweifel an der Funktionssicherheit des Bremssystems zu geben. So heißt es in einer fehlgeleiteten E-Mail des Leiters Qualitätsmanagement, Robert Kahlenberg, vom 13. September 2004 unter anderem: “Das System ist in seinen Auswirkungen und Rückfallebenen ungenügend konzipiert.” Dass BMW für das Nachfolgesystem des von der Firma FTE stammenden ABS, das bereits entwickelt wird, einen anderen Zulieferer sucht, will der Konzern weder bestätigen noch dementieren.

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