Sven Herold | CEO LiveTube

Nokia hat mehr Probleme als nur defekte Handys

T1 30.04.02

Technik und Motor

Nokia hat mehr Probleme als nur defekte Displays

Ausfallerscheinungen: Der nächsten Generation finnischer Mobiltelefone fehlt

die kühne Vision

Der führende Handy-Hersteller Nokia ist in den vergangenen Wochen ins Gerede gekommen. Das betrifft zunächst die immer wieder auftretenden Display-Schäden bei seinem älteren Handy 8210. Die Händler beklagen ungewöhnlich viele Ausfälle, Nokia hingegen spricht von mangelhaften Modulen eines bestimmten Zulieferers. Hier liegt “ein eher kleines Problem” vor, sagt Nokia Retention Manager Yves Loerke, während von uns angesprochene Händler Rücklaufquoten von bis zu 70 Prozent monieren. Die nachlassende Qualität bei Service und Geräten ist jedoch nur eine von vielen Herausforderungen, denen sich die Finnen derzeit stellen müssen.

So steht das aktuelle 6310 aus der Oberklasse bei den Profi-Nutzern im Zentrum der Kritik. Sie beanstanden unter anderem den mangelhaften Datenabgleich des Telefonbuchspeichers mit Microsofts Outlook. Alle Einträge aus der Adreßverwaltung werden im Handy nämlich nach dem Vornamen sortiert. Wer Herrn “Müller” anrufen will, muß nach “Karl” suchen. Damit stiftet Nokia eine Verwirrung ohnegleichen, vielleicht, weil die Finnen der Ansicht sind, daß sich alle Europäer zu duzen hätten. Zudem werden bei jedem Datenabgleich die bereits erledigten Aufgaben aufs neue in das 6310 übertragen – und zwar als unerledigt. Wer sich für das aktuelle Spitzen-Handy von Nokia entschieden hat, ärgert sich auch über die fehlerhafte Bluetooth-Unterstützung. Aktiv kann das 6310 nur nach anderen blauzähnigen Audio-Geräten suchen, also nach Sprechgarnituren. Es ist jedoch nicht in der Lage, eine Bluetooth-Karte am PC oder ein anderes Bluetooth-Handy zu finden. Die Versprechungen der Anleitung (und der Werbung) werden nicht gehalten. Nach unseren Erfahrungen in der Praxis arbeitet das 6310 nur mit einem kleinen Teil der bislang erhältlichen Bluetooth-Produkte mehr schlecht als recht zusammen. Daß das 6310 kein Farbdisplay hat, kann der Business-Nutzer durchaus verschmerzen. Schwerer wiegt der fehlende E-Mail-Client, der es erlauben würde, unterwegs neue Nachrichten zu lesen und zu beantworten. Zudem ist das 6310 kurz nach dem Marktstart schon wieder veraltet. Der Nachfolger heißt 6310i und ist das erste Tribandgerät der Finnen, das auch in den amerikanischen GSM-Netzen funktioniert. Weiterhin wird die Programmiersprache Java unterstützt. Aber die wesentlichen Ausstattungsmängel hat Nokia nicht beseitigt: Im Vergleich mit dem T68i von Sony Ericsson fehlen noch immer das Farbdisplay, die neuen MMS-Nachrichten und die E-Mail-Abfrage. Zudem hat das T68i die bessere Sprachwahl und einen aktuelleren Wap-Browser.

Bei den Ankündigungen für das kommende halbe Jahr ist kein Gerät dabei, das alle Wünsche des anspruchsvollen Kunden erfüllt. Die herausragende Vision fehlt. Das besonders peppige Nokia 7210 richtet sich schon vom Äußeren her nicht an den Geschäftskunden, es hat zudem kein Bluetooth. Das 7650, das im zweiten Quartal kommen soll, hat zwar Farbe, ist aber kein Tribandgerät und hat keinen E-Mail-Client. Lücken dann beim teuersten Nokia: Der angekündigte Nachfolger des Communicator 9210 wird weder GPRS noch MMS oder Bluetooth unterstützen. Bleibt nur zu hoffen, daß der neue 9210i besser mit Outlook zusammenarbeitet als das aktuelle Gerät. Wir haben die Probleme vor fast einem Jahr beschrieben (F.A.Z. vom 31. Juli), sie sind noch immer nicht behoben.

Wer an der Spitze des Fortschritts mitlaufen möchte, greift heute zum T68i von Sony Ericsson. Dieses Handy ist schon jetzt besser ausgestattet als jedes erhältliche oder für die nächsten Monate angekündigte Nokia. Das japanisch-schwedische Gemeinschaftsunternehmen setzt derzeit die Maßstäbe, und das wird eine ganze Weile so bleiben. Wer etwa die technischen Daten der künftigen Multimedia-Handys von Sony Ericsson und Nokia vergleicht, entdeckt sofort einen klaren Sieger: Zwar haben das Nokia 7650 und das P800 von Sony Ericsson ein großes Farbdisplay und eine Digitalkamera gemein. Aber nur das P800 kommt mit einer vollständigen Ausstattung und dem Versprechen in den Handel, einen Organizer für die Verwaltung von Adressen, Terminen und E-Mails zu ersetzen. Demgegenüber bleibt das Nokia eher ein multimediales Spaß-Handy für die Freizeit.

In anderer Hinsicht hinkt Nokia derzeit ebenfalls aktuellen Entwicklungen hinterher. Siemens hat als erster Hersteller damit begonnen, unentgeltlich neue Software für seine Handys bereitzustellen. Jeder Besitzer eines S45 oder ME 45 kann sich ein Update mit vielen neuen Funktionen aus dem Internet laden. Auch Sony Ericsson ist da sehr kulant: Bei den Vertragshändlern wird man bald aus einem T68 ein aktuelles T68i machen können. Besitzer des Nokia 6310 und des aktuellen Communicator 9210 müssen sich neue Geräte kaufen, um in den Genuß der verbesserten “i”-Version zu kommen. Bei diesen Modellen wird dann hoffentlich auch ein weiteres Nokia-Phänomen beseitigt sein: die Inkompatibilität der mitgelieferten Software zu Windows XP und der gelegentlich auftretende Total-Absturz. Letzterer führt dazu, daß sich das Handy nicht mehr einschalten läßt. Dieses schwerwiegende Problem tritt mit dem 6310, dem 6510 und dem 8310 auf. Ungeachtet der aktuellen Debatte um die Display-Fehler geht es derzeit bei Nokia mehr als turbulent zu. Jetzt kommt es darauf an, mit hochwertigen und zukunftsweisenden Produkten die Marktführerschaft zu behaupten.

MICHAEL SPEHR

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